Tiergeschichten

Ein französischer Dichter beschrieb im 18.Jahrhundert die Schöpfung des Pferdes wie folgt:

„Nach der Erschaffung von Himmel und Erde, den Vögeln in der Luft, den Fischen im Wasser, hielt Gott es für geraten, dem Menschen eine höchste Gunstbezeugung zu erweisen: er schuf das Pferd.

Was habt Ihr für mich getan?

In der grossartigen Abfolge der Schöpfung war der letzte Abschnitt, der des wahrhaft Vollkommenen, diesem herrlichen Geschöpf vorbehalten. Das Pferd war schneller als sonst ein Ding auf Erden; es liess das flüchtige Wild hinter sich, es sprang höher als die Ziege und war ausdauernder als der Wolf. Der Mensch, umzingelt von Naturgewalten, die ihn zu vernichten suchten, von Tieren, schneller und stärker als er, wäre zum Sklaven geworden, hätte nicht das Pferd ihn zum König gemacht.“

Wie schön, dass es euch gibt. Ein Menschenleben ist lang, verglichen mit dem Euren, Ihr meine geliebten Wegbegleiter. Wie vermag ich mich an Euch zu freuen, die ihr heute mein Leben teilt, und wie dankbar darf ich mich an die erinnern, die mir genommen wurden. Genommen wurden auch, weil ich Grenzen und Nöte nicht rechtzeitig zu erkennen vermochte und mich an einem von euch schuldig machte. Meine Tränen waren aufrichtig und irgendwann folgte der Trost, dass Schuld vielleicht vergeben werden kann, wenn Leiden Sinn erfüllt. Den Sinn, es selbst nie mehr zuzufügen und zu verhindern, dass andere dieselben Fehler wie man selbst nur dehalb erneut machen müssen, weil auch sie es nicht besser wissen.

Als Kind ward ihr mein Zufluchtsort, was konnte ich euch nicht alles flüsternd anvertrauen und durfte immer sicher sein, im Erzählen kam mir Trost oder Klarheit und ihr liebtet mich mit allen meinen kindlichen Nöten und meiner Zuneigung zu euch.

Was gab es Wichtigeres? Und wie vollkommen durfte ich mich auf eurem Rücken fühlen, mein Wille genügte, wo meine Kraft nie gereicht hätte. Gibt es eine tiefere Erkenntnis über die Macht des Geistes? Ihr habt mir Mut und Zuversicht geschenkt, mir gezeigt, dass Disziplin auch Lust sein kann, und dass Lüge und Unaufrichtigkeit nicht kurze, sondern gar keine Beine haben, wenn ihr mitunter besser wusstet was ich dachte oder wollte, als ich mir selbst eingestand.

Es gab grosse Lehrer unter euch, die mir soviel mehr beibrachten als Lehrer in einer Schule. War ich ungerecht und ungeduldig so wurdet ihr unsicher, traurig oder zeigtet gar Furcht vor mir, die ich nur einen Bruchteil eurer Kraft habe und dann war ich beschämt und hatte wieder ein Stückchen mehr vom Leben begriffen. Dass Bitten in eurer Welt erfolgreicher ist als Befehlen, Gemeinsamkeit mehr ist als Nichtalleinsein, vornehme Gesinnung etwas anderes als Stolz, Stolz etwas anderes als Eitelkeit, Vertrauen die Basis der Kommunikation, Arbeit Quell der Freude sein kann, Zeit mit euch nicht verloren sondern nur Gewinn sein kann, echtes Glück kein Gefühl des Augenblicks, sondern lebhafte glückliche Erinnerung für das ganze Leben ist, und dass ihr nicht in der Christnacht redet, sondern jeden Tag, wir Menschen müssten nur zuhören. Ihr seid mir auch heute noch Lehrer, jeden Tag.

Du meine alte gute Stute, wie freundlich und doch konsequent kannst Du mich korrigieren, wenn ich wieder mal in Hektik bin und möchte, dass alles schnell geht. Oder Du, mein sensibler Partner, der mich auffordert meine Gedanken, meinen Körper, ja selbst meinen Atem zu kontrollieren wenn ich reite. Oder Du, die ich als wir uns kennenlernten gar nicht schätzte, was hast Du mich gelehrt über die Reiterei und darüber, dass ihr nicht nur stolz auf das Gelernte seid, sondern uns Menschen nur immer Freude machen wollt, wenn wir es nur verstehen uns zu freuen.
Wie oft habe ich in meinem Reiterleben von euch genommen, euch korrigiert, weil ich dachte, ihr müsstet etwas besser machen und so oft versäumt euch zu loben für das was ihr gut gemacht hattet.

Seltsam, wir Menschen können auch nur im Lob wachsen, unter Kritik oder Achtlosigkeit leiden wir genauso wie ihr, und auch wir wollen nicht benutzt, zum Mittel zum Zweck degradiert werden. Eure Demut und Disziplin im Dienst für uns nehmen wir selbstverständlich, euer Verweigern verstehen wir dagegen nur als mangelnden Willen und suchen oft nicht nach der Ursache, obwohl - und auch das habt ihr mich gelehrt - ihr immer einen schwerwiegenden Grund habt, unsere Wünsche nicht zu erfüllen.

Wenn ich nachdenke, welche Verantwortung ich für euch trage, euer Leben und Leiden liegt allein in meiner Hand, so erscheint mir diese Hand von zweifelhaftem Wert, denn nach all den Jahrzehnten habe ich mich immer noch nicht zu jedem Zeitpunkt selbst in der Hand.

Man sieht nur mit dem Herzen gut, sagt der kleine Prinz. Mit eurem grossen Herzen seht ihr meine Zuneigung und verzeiht mir mein Versagen in unveränderlichem Vertrauen. In einer Welt die immer lauter und hektischer wird, ist es tröstlich zu erfahren, dass sanfte Hinweise, geduldige Gelassenheit, Gerechtigkeit und die Vision des Ziels genügen, um Wünsche zu realisieren. Ihr seid nicht Mittel zum Zweck, ihr seid keine Gehilfen unseres Ehrgeizes und unserer Eitelkeit, ihr seid unsere Wegbegleiter zu uns selbst.