Tiergeschichten

Dezember 1999 - Umzug auf den Stoffelhof.

 

Wir haben es geschafft und wir sind es noch.

Das vergangene Jahr war für uns ein turbulentes Jahr. Innerhalb weniger Monate musste eine Ruine in einen Firmensitz mit perfekter Infrastruktur umgebaut werden. Betonieren funktioniert nicht im Regen, und es regnete praktisch täglich in Bayern. Nicht betonieren verzögert die Folgearbeiten, was eine enorme Flexibilität in Sachen Terminplan auch bei den beteiligten Unternehmen erforderte. Einige Überraschungen, wie z.B. durchgefaulte tragende Balken, bis hin zum völligen Fehlen von Fundamenten ließen uns den Puls mitunter kräftig hochschnellen und trainierten sowohl unsere Stresshormonregulation, wie auch das Herz-z-Kreislaufsystem. Neben den die Statik gefährdenden Eigenheiten des Stoffelhofs verkamen Feststellungen wie Schäden am Dachstuhl, nicht funktionierende Entwässerung oder die Notwendigkeit den gesamten Verputz zu erneuern u.a.m. zur Belanglosigkeit. Mit einem, durch den im September nötig gewordenen Mitarbeiterwechsel, nochmals frisch durchtrainierten und nunmehr enorm elastischen Adrenalinspiegel gingen wir mit mehr oder minder blank liegenden Nerven in den Monaten November und Dezember den eigentlichen Umzug an.

Über 80 Tonnen Stahl mussten im Bereich Maschinenanlage innerhalb von zwei Wochen ab-, um- und neu eingebaut werden, die gesamte Verwaltung mit tausenden von Kundenhängern nebst Buchhaltung und dem Einkauf innerhalb von zwei Tagen umgesiedelt werden, das Lager mit allen Waren und Regalen - sozusagen zwischen zwei UPS-Abholungen - innerhalb von einem Tag umziehen, die unendliche Bücherkolonne, nebst Aufzeichnungen aus dem Sportservice und der Entwicklungsabteilung, wohlgeordnet und wohlbehalten schnellstmöglich transferiert werden, der Pferdestall mit gesamter Stalleinrichtung verlagert und natürlich Pferde, Hunde und Katzen an ein und demselben Tag mit unserer privaten Wohnung übersiedeln.

Dazu sollte dank Jahrtausendwende und Aktualität auch gleich noch eine neue EDV-Anlage eingerichtet werden und so ganz nebenbei das Tagesgeschäft voll aufrecht erhalten bleiben. Zu allem Überfluss fand das ganze Unternehmen in der Woche vor Weihnachten bei dichtestem Schneetreiben statt; was sagen Sie dazu? Genau! Es war aber fast noch schlimmer, für einige unter Ihnen leider ebenso wie für uns! Vom Umzug sind Erinnerungen geblieben, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen:

16.Dezember 99: die Maschinenanlage ist immer noch nicht funktionsfähig. Seit Wochen wissen wir zwar, was alles nicht geht, es ist aber nicht herauszufinden, wann die Anlage laufen wird. Gestern ein besonders beeindruckendes Erlebnis: das neue Pendelbecherwerk nach dem Mischer förderte wunderbar; nur leider nicht wie vom Hersteller beworben “rückstandsfrei” nach oben, sondern kippte voreilig und übereifrig gut ein Drittel der Probemischung bereits im Erdgeschoss der Produktionshalle in seinen Fuß aus. Als dieser voll und die gesamte neue Halle weiß von Pulver war, versagte es glücklicherweise seinen Dienst komplett. Wir schauten uns an, weiß bepudert wie die Clowns, und weinten fast vor Verzweiflung. Ein Mischer hat den Umzug auch nicht gut vertragen, an einer Klappe tritt ganz fein Staub aus. Vermutlich ist es aber nur der Dichtungsgummi.

Spät abends Krisensitzung bei uns in Rechetsberg. Während wir bei einer Tasse Tee die Vorgehensweise der nächsten Tage besprechen wollen, fällt der Strom aus. Tiefe Dunkelheit um uns, wir haben kurzfristig ein neues Problem: wo sind die Kerzen?

17.Dezember 99: Wir haben immer noch keinen Strom, auch keine Heizung in Rechetsberg. Zudem keine Telefonanlage (nur eine Notleitung) und keine EDV. Im Prinzip auch keine Sanitärräume mehr, denn wir haben auch kein Wasser, weil alles vom Strom abhängt. Unsere Damen werden morgens zu ihrer Überraschung sehr stimmungsvoll empfangen: statt der gewohnten Neonröhren werden die Büros heute von Kerzenlicht erhellt. Edle Leuchter, bestückt mit einer Vielzahl unterschiedlichster Kerzen in allen Farben geben flackernd einen warmen Schein ab, der allerdings nur die nächste Umgebung mühsam erhellt. Das Ambiente im Sanitärbereich ist nicht ganz so gelungen: neben den Lüstern von denen stimmungsvoll Wachs tropft, finden sich nun Plastikeimer mit Wasser. Junge Damen von heute sind offensichtlich ebenso praktisch wie die Trümmerfrauen von einst: die fünf lassen sich durch widrige Umstände nicht einschüchtern und tricksen als erstes die Telefonanlage aus, indem sie die Notleitung auf ihre Handys umleiten. Somit können wir wenigstens eingehende Aufträge annehmen, wenn auch nicht weiter bearbeiten. Bei anheimelndem Kerzenschein (die Kerzen geben auch etwas Wärme ab, beim gegenwärtigen Heizungsausfall und 14°C minus ein Segen) in Anoraks verpackt, versuchen alle das Beste aus der Situation zu machen. Wir haben in einer Thermoskanne sogar Kaffee. Alle stromabhängigen Umzugsarbeiten ruhen natürlich, oh je wie soll das noch weitergehen! Dafür vom Stoffelhof eine gute Nachricht: die Öldosiereinheit an der Maschinenanlage hat sich heute endlich dazu überreden lassen, korrekt zu funktionieren, ein Problem weniger.

Stattdessen ein neues Problem: starke Schneefälle behindern den Transport der Dragiertrommeln. Hoffentlich kommen Autokran und Schwerlaster unseren Berg hoch. Noch ein neues Problem: das Arbeitsamt hatte uns vier starke Männer für den Büroumzug zugesagt. Einer kam, drei nicht. Das Arbeitsamt kann sich das auch nicht erklären.

Unsere tapferen Damen ersetzen wacker die fehlenden Männer und schleppen die Kartons mit Kundenhängern, Büchern und Büromaterial eigenhändig zum LKW. Die Handys zur Auftragsannahme immer dabei, telefonieren sie während sie mit dem anderen Arm einen Karton stemmen. Am Abend können sie sich am Knöchel kratzen, ohne sich dafür bücken zu müssen, so lang sind die Arme geworden. Der Chef des Hauses überredet den Fahrer des Schwertransporters in halbstündiger Debatte und der Zusage, nochmals eigenhändig bzw. “eigentraktorig” Schnee zu räumen, zu streuen und zu salzen und Unterstützung von “knisterndem Schmierstoff”, die Dragiertrommeln trotz Schneetreibens und früh einsetzender Dunkelheit (der Abbau konnte wegen Stromausfalls erst am Nachmittag erfolgen) doch noch aufzuladen und in stockdunkler Nacht am Stoffelhof zu entladen.

18.Dezember: die Damen haben auf ihren schnurrenden Muskelkater reagiert und anstatt länger auf das Arbeitsamt zu vertrauen, ihre eigenen Männer zu Hause mobilisiert. Heute geht es sehr zügig voran mit dem Büroumzug, die Herren sind mächtig stark und zudem flink. Kann den Damen und uns nur zu ihrer Wahl gratulieren.

19.Dezember: Das Becherwerk funktioniert, die Maschinenanlage kann nach der heutigen Reinigung morgen wohl anlaufen, die Dragiertrommeln sind heil umgezogen und werden vermutlich noch vor Weihnachten angeschlossen werden. Kurzum, wir können hoffentlich endlich wieder die Produktion aufnehmen. Das ist die gute Nachricht, die schlechte: der Schneefall wird immer noch schlimmer, die Zufahrt ist fast unpassierbar geworden, unten Eis und oben Schnee und das 6 km bergauf durch den Wald. Seit Jahren schneit es erfahrungsgemäß vor Weihnachten überhaupt nicht, es friert auch nicht, seit Jahren haben wir allenfalls mit etwas Glück an Weihnachten etwas Schnee. Aber heuer wird alles nachgeholt, meterhoher Schnee und klirrender Frost. Wir benötigen enorme Mengen Split und kämpfen mit eigenen Maschinen mehrmals täglich um eine befahrbare Straße, da der Räumdienst nicht mehr nachkommt. Die Pferdeboxen sind demontiert und werden gerade am Stoffelhof eingebaut, die Pferde sind hier in ihren Notboxen aus Stangen ganz glücklich. Hoffe, das Glück hält bis übermorgen an und keiner meiner Süßen kommt auf die Idee, sich gegen die Stangen zu legen.

20.Dezember: Juhu, die Maschinenanlage läuft ruhig und problemlos wie früher, alle Umbauten sind erfolgreich verlaufen. Im alten Büro ist es furchtbar und im neuen auch. Im alten stehen nur noch Telefone und EDV, im neuen alles übereinander, unsere Damen räumen fieberhaft ein. Heute abend wird die EDV im alten Büro abgeschaltet und wir zittern gemeinsam, ob morgen am neuen Standort alles laufen wird. Bei dem Wetter hält uns nur noch Glühwein am Leben, so oft wie wir rein und raus müssen.

21.Dezember: Morgens weiße Winterpracht meterhoch, es schneit in dicken Flocken und die Pferde müssen umziehen. Mir ist flau um die Magengegend und ich fahre erst mit dem PKW probeweise einmal unseren Berg hinunter. Nebenbei wird gerade unser Wohnhaus geräumt. Kann mich nicht groß darum kümmern, die Pferde müssen verladen werden. Wird schon gut gehen. Petrus hat ein Einsehen, er stoppt den Nachschub an weißer Pracht zumindest solange die Pferde gefahren werden. Den Pferden gefällt der neue Stall wunderbar, sie haben in Anbetracht bauchhoher Stroheinstreu, reichlich duftendem Heus und der Gewissheit, Hafer sei auch vorhanden, beschlossen, sich sofort heimisch zu fühlen. Nachmittags kommt der Möbelwagen und ich schreite erleichtert vom Pferdeumzug mutig in unser neues Haus, um beim Abladen zu “dirigieren”. 5 kräftige junge Männer (offensichtlich nicht vom Arbeitsamt!) haben mich in Sekunden, eingekeilt zwischen zerlegten Schränken und meterhohen Kartonbergen mit Schrankinhalt, kalt gestellt. Versuche das Beste daraus zu machen, abends bin ich fertig wie noch nie in meinem Leben, allerdings nur mit den Nerven, nicht mit der Arbeit. Die EDV im Büro läuft anscheinend. Mein Stallkater ist verschwunden! Carlo, so heißt er, wurde uns von Mietern auf dem alten Standort hinterlassen, bzw. er wurde zwar beim Auszug mitgenommen, lief aber 5 mal wieder zu uns zurück, so dass wir gemeinsam beschlossen, ihn bei uns zu lassen. Heute musste er sein geliebtes Rechetsberg doch verlassen und mit uns umziehen und ich fürchte, er ist durch eine unserer vielen Türen hier doch entwischt und versucht wieder zurück zu laufen und liegt auf irgendeiner Straße überfahren, oder..., oder...

22.Dezember: Im Büro füllen sich die Regale, unsere Mädels sind tapfer ohne Ende und schaffen neue Ordnung. Im Stall ist auch alles in Ordnung, nur im Wohnhaus finde ich nichts mehr, stelle aber erleichtert fest, man kann Kaffee auch mit dem Suppenlöffel umrühren. Sollte auch langsam daran denken, dass Weihnachten vor der Tür steht, habe nämlich immer noch keine Geschenke. Finde aber auch keine Schuhe (außer den Stallstiefeln, die ich anhabe), die zum Wetter passend anzuziehen wären. Dafür sind drei Paar Riemchensandeletten aufgetaucht, die ich im Sommer vermisst hatte. Unsere Damen haben, (ein Mysterium wann sie das geschafft haben) Plätzchen gebacken. Wir sitzen am Abend noch zusammen, trinken wieder einmal Glühwein und verkosten das herrliche Weihnachtsgebäck bei Kerzenschein (absichtlich, Strom wäre in diesem Fall vorhanden gewesen). Spät abends taucht mein Stallkater wieder auf, bei meiner nächtlichen Runde durch den Stall kommt Carlo mir miauend entgegen, bin so erleichtert und glücklich, als er auf meinem Arm schnurrt.
Dr.D.M.