Tiergeschichten

»Was machen Sie noch so?«, werde ich oft gefragt.

 

Tu den Mund auf für die Stummen und die Sache aller,
die verlassen sind ! (Salomon)

Was machen Sie noch so?, werde ich oft gefragt. Nun, ehrlich gesagt, viel Zeit habe ich nicht für “noch so”, denn neben meinem Beruf habe ich etliche weiteren Verpflichtungen, als da wären: Kinder, ein halber Zoo in einem viel zu großen Haus mit viel zu vielen Blumen (zum Gießen) und die Pferde natürlich (zähle ich nicht zum Zoo, sondern trickreich zum Freundeskreis, dann habe ich gleich viel mehr Freunde!).

Neben meinen Freunden habe ich auch tiefe Bewunderer, meine Hunde z.B.. Wenn ich irgendwo auf der Anlage auftauche, so immer mit meinem “Stab”. Wie im Krankenhaus bei der Chefarztvisite, der Chief vorneweg, der Stab dahinter. Nur ist mein Stab nicht weiß, sondern schwarz-braun wie Rottweiler eben gefärbt sind. Leider sind auch meine Fingernägel meist schwarz-braun, denn ich liebe es nicht nur mit dem Kopf zu arbeiten, sondern habe gerne Hände, die zupacken. Soviel zu den Äußerlichkeiten (in meinem Alter geht man nicht mehr gerne ins Detail).

Ja, was mache ich noch so? Also manchmal bemühe ich das Klavier (ich entstamme einer Zeit, als es noch sog. ”höhere Töchter” gab, deren Eltern leidgeprüfte Klavierlehrerinnen ins Haus holten, um die Erziehung mit Musik zu vervollkommnen). Heutzutage gehen die Kids in die Disco, wir machten noch selbst Musik. Meine Jugendzeit war insofern härter, für die Nachbarschaft zumindest.

Da ich meinen Beruf nach Jahrzehnten immer noch schön finde, arbeite ich viel und abends kommt die Zeit der Kopfarbeit. Untertags habe ich fast ständig den Telefonhörer am Ohr und da ich leider nicht Napoleon bin (für Europa beruhigend!), kann ich nur entweder telefonieren oder arbeiten. Wobei ich ja nun nicht (oder allenfalls ausnahmsweise) “ratsche”, sondern am Telefon durchaus auch “arbeite”. Also, um Missverständnisse im Vorfeld auszuräumen: ich habe keine 0190-er Nummer, aber mitunter kommt auch mir ein (unterdrücktes) Stöhnen aus, weil ich allein über die Bedeutung von Heu täglich eine geraume Zeit zu dozieren habe.

Nicht, dass ich täglich neue Erkenntnisse hätte, nein ich rede seit Jahren tagein, tagaus dasselbe. Nur Samstag und Sonntag nicht, da schreibe ich dafür... über? Na klar, Heu... Mit dem Ergebnis, dass fast in jeder Kundenzeitung über Heu zu lesen ist.

Sie kennen Herrn Sisyphos aus der Mythologie, oder Don Quijote? Oder die Geschichte mit der Hydra und ihren nachwachsenden Köpfen? Natürlich bin ich nicht so vermessen, mich mit den großen Gestalten zu vergleichen, nur ist eine gewisse Ähnlichkeit mit ihren tragischen Schicksalen nicht ganz von der Hand zu weisen, ich sitze (das unterscheidet mich wohltuend von Herrn Sisyphos) und rolle den Fels (alias Heu) mühsam hoch, verteidige eisern (nicht auf Rosinante, sondern auf dem Bürostuhl) den Darm aller Pferde gegen unsagbar laut klappernde und übermächtige Windmühlen (für die Heu Luft ist) und für jeden Kopf, den ich zurecht gesetzt (mit Argumenten abgeschlagen) habe, wachsen hundert nach, die allesamt ihre Münder aufreissen und das Heu wieder in Misskredit bringen. Hippokrates hat schon gesagt:

Gesundheit, Kraft und gesunde Entwicklung kommen von richtiger Ernährung.

Jeder Arzt muss deshalb ein geschickter Beobachter der Natur sein. Wenn er seine Aufgabe auf rechte Weise zu erfüllen wünscht, muss er lernen, die Verhältnisse zu erfassen und zu verstehen, die zwischen Gesundheit des Menschen, seiner Kost und seinen Getränken bestehen.

Die Natur ist der beste Arzt der Kranken und man erzielt nur dann einigen Erfolg, wenn man ihre Wirkungen bevorzugt in Anspruch nimmt.

Der Körper ist ein harmonisches Ganzes, dessen Teile sich in gegenseitiger Abhängigkeit halten. Der Ausgangspunkt der Medizin liegt für mich in der Be-schaffenheit der ewigen Dinge.

Denn man kann unmöglich das Wesen der Krankheiten kennenlernen, das doch der Forschungsgegenstand unserer Kunst ist, wenn man nicht die Natur selbst und den in ihrer Entwicklung sich manifestierenden Urgrund kennt.

Krankheiten befallen uns nicht aus heiterem Himmel, sondern entwickeln sich aus täglichen Sünden wider die Natur. Wenn sie sich gehäuft haben, brechen sie scheinbar auf einmal hervor.

Suchet die Ursache der Ursache. Die Natur sei der Arzt und der Arzt der Diener der Natur. Jeder Arzt sollte ein Lehrling der Natur sein. Wie kann ein Arzt, der nichts über richtige Ernährung weiß, Krankheiten heilen wollen?

In diesem Sinn verteidige ich am Schreibtisch festgekettet (ähnlich dem armen Prometheus) die Naturgesetze eines jahrtausendealten Verdauungstraktes gegen den "modernen Fortschritt", der diese Naturgesetze missachtet und insofern nur ein Irrtum sein kann.

Wie mir ein namhafter Pferdezüchter einmal empört entgegenzischte: “Was Sie mir da erzählen ist doch keine moderne Fütterung, Sie reden wie vor hundert Jahren!” Irrtum, kann ich da nur sagen, wie vor tausenden von Jahren!

"Natur kennt keine Kompromisse", sagte Goethe und so rede ich kompromisslos, während mir dabei sehr viel Lebenszeit und -kraft entgleitet, die ich gerne meinen Interessen und Hobbys widmen würde.

So bleibt oft nur spätabends noch etwas Zeit und dann lese ich auch modernere Weisheiten. Eine gefällt mir besonders gut und die will ich Ihnen nicht vorenthalten:

Schließlich ist ja der Umstand, dass die Welt mitsamt den meisten Intellektuellen verrückt geworden ist, noch kein Grund, nun das Denken auch von uns aus aufzugeben (Max Horkheimer).

Dr.D.M.