Tiergeschichten

Ein weiblicher Versuch, männliche Gefühle darzustellen

 

„Frauen und die lieben Tiere...“

Irgendwie komme ich immer an die falsche Frau. Nein, nicht an Frauen, die fremdgehen, meine Frauen hatten nur einen einzigen Fehler: Tiere. Sie denken, das sei wohl höchstens ein Vorteil, aber doch kein Fehler? Können Sie damit leben, immer nur Nr.2 oder gar Nr. 20 zu sein?

Haben Sie nicht auch schon dieses merkwürdige Gefühl erlebt: Sie sitzen mit Freunden im Lokal, Ihre Lebensgefährtin neben Ihnen, der Hund liegt unter dem Tisch und wärmt Ihnen die Füße. Ihre Frau sucht in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch und schreit auf einmal ganz verzückt auf: „Schatz, ich hab Dir doch was mitgebracht, das habe ich ja ganz vergessen!“ Sie strecken schon glücklich und erwartungsvoll die Hand aus, aber Sie waren gar nicht gemeint, denn der Büffelknochen in der durch Ihr hart verdientes Geld brilliantgeschmückten Hand gehört zweifellos dem Hund unter dem Tisch.

Je nach Charakter der Tischrunde ernten Sie höhnische oder mitleidige Blicke, wie Sie so betreten lächelnd Ihre Hand zurückziehen. Nur die anwesenden Damen finden diesen Vorfall absolut normal, lächeln Ihrer Frau verständnisvoll zu und plaudern angeregt über die besten Einkaufsmöglichkeiten von Futter und sonstigen Zutaten für Pferde, Hunde und Katzen. In all den Jahren mit den vielen Frauen habe ich eines gelernt: selbst wenn Du Deine letzten Ersparnisse für wertvollen Schmuck ausgibst, Du kommst nicht an ihr Herz damit heran: kauf einfach etwas für ihr Tier, das trifft. In diesem Sinn habe ich kürzlich meiner Frau für den Hund einen wunderbaren, wirklich teuren Hundekorb mit Daunenmatratze gekauft, und zusätzlichem Kopfkissen natürlich. Ach, was war das für eine Freude. Und der Hund genoss den Korb, das Kopfkissen wurde ihm liebevoll immer auf der Seite untergelegt, wo er sein dickes Haupt gebettet haben wollte, alles schien gut. Nur drei Nächte später, morgens um zwei wurde ich unsanft wachgerüttelt und sollte mit zum Hundebett. „Liebling, meinst Du nicht auch, dass der Hund vielleicht eine Wirbelsäulenverkrümmung bekommt, wenn er immer so eingerollt in diesem Korb liegt?“ Seit dieser Nacht steht der wunderschöne Hundekorb für über 800 DM bei Wind und Wetter auf dem Balkon und die Matratzen liegen überall in der Wohnung herum, wo immer sich der Hund hinlegen will.

Trotz der Designermöbel hat unsere Wohnung seitdem den Charakter einer Obdachlosenunterkunft, aber ich versuche verzweifelt meinen Mund zu halten. Denn eigentlich geht es mir ja noch gut. Immerhin schläft der Hund nicht in unserem Bett. Neulich waren wir bei Bekannten meiner Frau eingeladen. Keine Kinder, aber einen Boxer. Feine Leute, sagte meine Frau und ich zwängte mich in meinen besten Maßanzug. Zum letzenmal, das teure Stück war nach dem Besuch nicht mehr zu retten. Die Reinigung wäre mit den Hundepfotenabdrücken und dem Speichel auf der Hose vielleicht noch zurechtgekommen, aber der Riss am Ärmel, als das aufgeweckte Tier mich zum Spielen animierte, bedeutete den entgültigen Abschied von diesem Meisterstück. Mir bleibt ja die Krawatte.

Jedenfalls erfuhr ich bei der Abendunterhaltung, dass dieser Boxer im ehemals gemeinsam genutzten Ehebett schläft. Möglicherweise aufgrund seiner Nasenformation oder aus anderen Gründen, egal, der Hund schnarcht. Der Herr des Hauses, der nach eigener Auskuft über ein feines Gehör und leichtem Schlaf verfügt, hat zunächst mit Hilfe von Ohrenstöpseln versucht, seine eigene Anwesenheit im ehelichen Schlafzimmer zu sichern, aber letztendlich legten auch Platzprobleme im Ehebett die praktische Erwägung nahe, den Hausherren nachts im Gästezimmer (ohne Ohrenstöpsel) schlafen zu lassen. Ein großartiger Mann übrigens, dieser Hausherr. Tagsüber leitet er ein Industrieunternehmen, ist außerordentlich gebildet, hat die Welt bereist, mehrere Verdienstorden, aber was mich spontan zu seinem Bewunderer werden ließ, war die Eleganz, mit der er die fettigen Hundeknochen von der Couch packte, bevor er uns aufforderte Platz zu nehmen. Dieser Mann hat sein Leben wirklich gemeistert.

Nur zu gut erinnere ich mich an einen ehemaligen Nachbarn, der diese Souveränität leider nicht besaß. Nach seiner Scheidung von einer Tierfrau ist er zum haltlosen Trinker verkommen. Seine Ehe schien über Jahre hinweg wirklich gut zu sein, bis zu diesem rabenschwarzen Tag in seinem Leben, als seine Frau ein Zwergkaninchen bekam. Zunächst waren die 360 g Zwergkaninchen in einem Käfig untergebracht, und außer dass seine Frau fast jeden 2.Tag damit zum Tierarzt fuhr und er sich nach einer lukrativen Nebenbeschäftigung am Abend umsehen musste, um das Budget entsprechend aufzustocken, lief alles gut. Nur irgendwann war seine Frau der Ansicht, das Kaninchen habe nichts verbrochen und dürfe deshalb nicht mehr länger hinter Gittern hausen. Einleuchtend und von Stund an nahm das Kaninchen am Familienleben teil.

Drei Jahre lang erduldete mein Nachbar, dass kleine schwarze Kugeln, heimtückisch aus dem Hinterteil des Kaninchens gefallen und überall im Wohnhaus verteilt, ihn des öfteren in seiner Wohnung wie auf Rollschuhen gleiten ließen. Die auf den Perserteppichen verstreuten Karottenstückchen widerten ihn zwar ebenfalls an, aber wirklich unsagbar litt er letztendlich darunter, wie die von seiner geliebten Großmutter (das war die, die ihm in seiner Kindheit diese wundervollen Märchen erzählt hatte) geerbten Barockmöbel ihrer ausschweifenden Fußstützen beraubt wurden und durch die Kaninchenzähne jeden epochalen Charme einbüßten. Mitunter schlich er sich heimlich nachts weinend zu mir, um einem verständnisvollen Menschen sein Herz ausschütten zu können. Meinen eigenen Schlafe über Monate entbehrend (mit dem Anhören der ewig selben Klagen), riet ich ihm eines Nachts voller Überdruss, seine Frau nunmehr endlich vor die einzig mögliche Alternative zu stellen.

Als er am Morgen mutig die Schicksalsfrage stellte: „ich oder das Kaninchen“, benötigte seine Frau angeblich gar keine Bedenkzeit. Das Kaninchen war stärker... ich hätte es wissen sollen.

Immer wieder suche ich seitdem Frauen ohne Tiere. Trotzdem gerate ich immer wieder an Tierfrauen, wie jetzt an diese Frau mit dem Hund.

Neulich hat sie mir entgegengeschleudert ich sei krankhaft eifersüchtig, nur weil ich sie zur Rede stellte, wieso die Zubereitungszeit für das Frühstück des Hundes dreimal so lange sei wie die für mein Frühstück (ich hatte für die Zeitmessung eigens eine Stoppuhr gekauft, um nicht dem Vorwurf der Ungerechtigkeit und Parteilichkeit ausgesetzt zu werden). Was liebe ich eigentlich an dieser Frau, habe ich mich den ganzen Tag danach gefragt. Da habe ich bemerkt, dass ich diese Frau wegen ihrer Warmherzigkeit, ihres Humors, ihrer Großzügigkeit, Kamerad-schaftlichkeit und ihres liebevollen Wesens liebe. Tierfrauen haben oft ein größeres Herz, so habe ich festgestellt.

Vielleicht ist neben dem Hund darin doch noch Platz genug für mich, oder sollte umgekehrt gar neben mir noch Platz genug für einen Hund sein, und ich habe alles bisher nur verkehrt gesehen?

D.Dr.M.